EU warnt vor Farbpigment Krebs durch Malkästen, Straßenkreide und Wandfarbe?

Die EU ist schnell mit Verboten – stets zum Schutz der Verbraucher. Gefährliche Konsumgüter listet sie seit Jahrzehnten in der sogenannten RAPEX-Liste jede Woche aufs Neue. Nach dem Glühbirnen-Verbot könnte nun ein weiteres Verbot kommen, das in viele Lebensbereiche eingreifen würde: in die Schule, die Freizeit, beim Heimwerken oder beim Bauen und Sanieren.

Krebs durch Malkästen, Straßenkreide und Wandfarbe?

Ein Farbpigment hat die EU-Kommission ins Visier genommen: der weiße Farbstoff Titandioxid soll krebserregend sein. Sie will daher Titandioxid als Gefahrstoff klassifizieren, was mindestens die Kennzeichnung vieler Farben, Lacke und Bastelartikel als "potenziell krebserregend" oder gar zum Verbot von  titandioxidhaltigen Baustoffen und Produkten führen könnte. 

Was ist der Hintergrund?

Der Vorschlag der Kommission basiert auf einer Empfehlung eines Ausschusses der Europäischen Chemikalienbehörde ECHA von 2017, wonach Titandioxid als „ein Stoff mit Verdacht auf krebserzeugende Wirkung beim Menschen durch Einatmen” eingestuft werden sollte. Die deutschen Hersteller von Farben, Lacken und Druckfarben kritisieren den Vorschlag der EU-Kommission zur Einstufung von Titandioxid als ungerechtfertigt. Aus Sicht der Unternehmen fehlt dem mehrfach überarbeiteten Vorschlag nach wie vor jede wissenschaftliche Grundlage. Außerdem warnen die Hersteller vor den unbeabsichtigten Folgen einer Einstufung und fordern eine vorherige Folgenabschätzung.

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Warum ist die Angst vor Titandioxid übertrieben?

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hält den Vorschlag der Europäischen Chemikalienbehörde ECHA für nicht nachvollziehbar und warnt vor einer großen Verunsicherung der Verbraucher durch die mittelbaren Verbotspläne der EU-Kommission. Die Kritik entzündet sich insbesondere an einer mehr als 20 Jahre alten Studie, auf die sich die Empfehlung stützt und bei der Ratten über einen sehr langen Zeitraum staubförmiges Titandioxid einatmen mussten. Experten aus Behörden und Industrie hatten kritisiert, dass die dabei festgestellte Reaktion nicht spezifisch für Titandioxid, sondern charakteristisch für eine Vielzahl von Stäuben sei. Außerdem gebe es in dieser oder anderen Studien keine Hinweise auf eine Gefahr für Menschen.

Im Gegenteil: Umfassende epidemiologische Studien zeigten keinen Zusammenhang zwischen der Exposition von Titandioxid-Staub am Arbeitsplatz und einem Risiko für Krebs. In Deutschland gibt es nach Angaben der Gesetzlichen Unfallversicherung keinen einzigen Fall einer anerkannten Berufskrankheit aufgrund von Titandioxid.

 

Welche Produkte wären von einem EU-Verbot betroffen?

Titandioxid ist das Weißpigment mit dem höchsten Deckvermögen und findet daher breite Verwendung in Farben, Lacken, Bauprodukten, Kunststoffen und bei der Papierherstellung. Gleichwertige Alternativen gibt es nicht. Der jüngst bekannt gewordene Vorschlag der Kommission dehnt den Anwendungsbereich noch einmal deutlich aus: Danach sollen auch solche Gemische als Gefahrstoff eingestuft werden, in denen das Titandioxid fest gebunden ist, z.B. Putze, Trockenmörtel, Fugen- und Spachtelmassen.

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"Die vorgeschlagene Einstufung hätte zur Folge, dass viele dieser Produkte auf ihrer Verpackung vor einer möglichen Krebsgefahr warnen müssten, obwohl nach Einschätzung sämtlicher Experten die aktuellen Grenzwerte einen sicheren Umgang gewährleisten", kritisiert Dr. Martin Engelmann, Hauptgeschäftsführer des Verbands der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie e.V. (VdL) den Vorstoß.

Verbot durch Wechselwirkung mit anderen EU-Richtlinien

Im Übrigen würden mehrere EU-Regelungen den Einsatz von (potentiell) krebserregenden Stoffen in bestimmten Produkten ausdrücklich ausschließen, beispielsweise für Spielzeug wie Deckmal-Farbkästen und farbiger Straßenmalkreide. “Wir haben nicht den Eindruck, dass die Kommission weiß, welche Auswirkungen ihr neuer Vorschlag hat”, erläutert Engelmann.

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