Weidenkorb flechten

Früher war der Weidenkorb ein praktischer Helfer im Haushalt und auf dem Hof. Ob Kiepen zum Holzlesen oder Körbe für die Kartoffelernte: Flechtwerk aus Weide fand sich jahrhundertelang in nahezu jedem Haushalt. Früher verstanden sich noch viele Menschen auf das Flechten von Weidenkörben. Heute sind Weidenköbe vor allem noch ein tolles Accessoire auf dem Balkon oder im Garten. Wer sich einmal am Weidenkorb flechten probieren will, folgt einfach dieser Anleitung.

Wenn die Tage kürzer werden und abends dicke Nebelschwaden in den Tälern am Rande des Knüllgebirges hängen, dann wird es in der Werkstatt von Horst Pfetzing gemütlich. Dann nämlich feuert der 54-jährige Korbmacher den alten gusseisernen Kanonenofen an, und sobald dieser beruhigend vor sich hin bullert und der würzige Duft von Fichtenholz durch den Raum zieht, beginnt er mit der Arbeit, bei der er als Kind schon seinem Großvater zur Hand ging. Das Handwerk des Korbmachers gehört zu den ältesten in der Geschichte der Menschheit. Ob Kiepen und Körbe zum Holzlesen oder für die Kartoffelernte, oder Truhen, Stühle, Wiegen und anderes Mobiliar: Flechtwerk aus Haselnuss, Binsen und vor allem aus Weide fand sich jahrhundertelang in nahezu jedem Haushalt. „Früher verstanden sich noch viele Menschen auf das Flechten einfacher Weidenkörbe, insbesondere für die Bauern war das selbstverständlich“, erzählt Horst Pfetzing. Manch einer verdiente sich auf diese Weise auch ein Zubrot für die dunkle Jahreszeit, dann saß oft die ganze Familie beisammen und verarbeitete die geernteten Naturmaterialien. „Auch mein Großvater Konrad kam so zum Korbmacherhandwerk und gab sein Wissen an seine Söhne weiter – meinen Vater Johannes und meinen Onkel Heinrich. Nachdem mein Vater die Meisterprüfung abgelegt hatte, wurde die Landwirtschaft schließlich zum Nebenerwerb.“

 

Korbflechten – ein faszinierendes Handwerk

Seit 1910 versorgt die Familie Pfetzing die Bewohner ihres Heimatorts Sterkelshausen mit allerlei Flechtwerk – doch der Beruf hat sich gewandelt. „Nach Kriegsende 1945 überschwemmten billige Kunststoffwaren den Markt und das große Korbmachersterben begann. Ich bin heute einer der letzten meiner Zunft“, erklärt Pfetzing mit ein wenig Wehmut in der Stimme. „Und ich muss heute wieder das tun, worauf auch die frühen Korbmacher angewiesen waren: Mit meinen Waren umherziehen.“ Das macht er zum Glück gerne, besonders wenn er dabei anderen Menschen sein faszinierendes Kunsthandwerk bei Flechtvorführungen näherbringen kann. Eine Kunst ist diese Arbeit tatsächlich: Schon um einen einfachen Korb herzustellen – vom Boden über die Wandung und den „Zuschlag“ genannten Abschlussrand bis hin zum Henkel – benötigt man kräftige Hände und Geschick. Beherrscht man die Grundtechniken, ist man von eleganten Mustern immer noch weit entfernt. Selbst die geübten Hände von Horst Pfetzing brauchen etwa drei bis vier Stunden für einen einfachen Korb mittlerer Größe – und immerhin beherrscht der Sterkelshäuser sein Handwerk bereits seit über 39 Jahren.

Was allerdings die wenigsten wissen: Wenn der Korbmacher mit dem Flechten beginnen kann, hat er einen Großteil der Arbeit schon hinter sich. Denn einfach ein paar Weidenruten schneiden und loslegen – das funktioniert bei hochwertiger Arbeit nicht. Überhaupt die Weiden: Wer die Korbmacherwerkstatt im Ortsteil Sterkelshausen besucht, hält erst einmal vergeblich nach ihnen Ausschau. „Die meisten Leute erkennen unsere Weiden gar nicht, denn anstelle von Kopfweiden an einem Bachufer bauen wir ausgewählte Sorten direkt auf dem Acker an. Dort schneiden wir sie jedes Jahr während der Saftruhe von November bis Februar bis auf den Boden zurück, wodurch wir wesentlich gleichmäßigere Ruten erhalten.“ Kopfweiden waren nämlich genau genommen nur eine Notlösung. Früher war Land für die Nahrungsmittelproduktion so kostbar, dass die genügsamen Weiden nur dort wachsen durften, wo weder Korn noch Apfelbaum gedeihen wollten: am Bach, wo sie zugleich das Ufer befestigten. Die Gemeinden verpachteten die Kopfweiden dann an die Korbmacher, die sie einmal im Jahr beernten durften.

 

Der Korbmacher erzielt durch Tricks verschiedene Farbtöne

Kaum verändert hat sich hingegen das Prozedere nach der Ernte, die so bemessen sein muss, dass das Material für ein Jahr reicht – besser noch länger, falls etwa Hagelschlag die jungen Ruten verletzt. Durch die Narbenbildung werden sie nämlich brüchig und damit unbrauchbar. „Nach dem Schneiden werden die Ruten nach Längen sortiert und zum Trocknen an alle verfügbaren Zäune und Hauswände gelehnt. Dann kommen sie ins Lager auf den Weidenboden. Damit sie wieder biegsam werden, muss ich die Ruten rechtzeitig einweichen. In kaltem Wasser dauert das zwei bis drei Wochen, in warmem Wasser verkürzt sich die Zeit auf drei bis vier Tage, dafür nutze ich meinen mit Schamottsteinen ummauerten Edelstahlkessel.“ Die so präparierten Ruten kennen wir als braune Naturweide.

Einen anderen Farbton erzielt Pfetzing, indem er die Weidenruten im Edelstahlkessel 24 Stunden lang kocht. „Dadurch platzt die Rinde auf und die freigesetzte Salicylsäure zieht ins Holz ein. Deshalb besitzt „gesottene Weide“ eine schöne rötlich- braune Färbung.“ Am edelsten wirkt die sogenannte weiße Weide. Sie ist allerdings auch am aufwändigsten herzustellen: Der Korbmacher stellt die Ruten nach der Ernte ins Wasser ein, bis sie Wurzeln und Blätter treiben, und muss anschließend jede Rute schälen. In einem mittleren Einkaufskorb, der bereits aus über 150 Ruten besteht, steckt also deutlich mehr als die reine Flechtzeit. Doch obwohl diese Vorarbeiten im Grunde unbezahlte Arbeitszeit darstellen, möchte Horst Pfetzing nichts anderes machen. „Mein Beruf ist für mich Berufung und diese Begeisterung möchte ich weitergeben. Mein Großvater hat bis 86, mein Vater bis 76 auf der Werkbank gesessen und Körbe geflochten. Da habe ich noch ein paar Jahre.“

Fotos: Maria Grube

 

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